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PFLEGE DER ZUKUNFT - Herausforderungen und Lösungen!
Die Diskussionen der vergangenen Monate rund um das System der Pflegevorsorge in Österreich haben eindrucksvoll gezeigt, dass gerade dieser Bereich vor besonderen Herausforderungen in der Zukunft steht. „Dass diese Diskussion gerade jetzt in Zeiten überdimensionaler politischer Emotionen losgetreten wurde, die Art und Weise WIE sie geführt wurde, WELCHE „gute Ideen“ zur Problemlösung kurzfristig und zum Teil ohne Realitätsbezug präsentiert wurden, hat sowohl Pflegebedürftige, deren Angehörige, die ja überwiegend Pflege- und Betreuungsdienste leisten, massiv verunsichert und zu Recht empört“, beteuert Mag. Michael Svoboda, KOBV Präsident.
Es ist höchst an der Zeit, Probleme im Pflegesystem, die ja nicht erst seit gestern bekannt sind, umfassend, unter Außerachtlassung von etwaigen Wahlterminen, und vor allem unter Berücksichtigung der Bedürfnisse der Betroffenen und ihrer Familien zu diskutieren und Lösungen zu erarbeiten.
Aus der Sicht des KOBV, der aus den vielen Rückmeldungen seiner rund 80.000 Mitglieder sehr viele Erfahrungen sammeln konnte, ergeben sich aus der aktuellen Diskussion um „illegale“ Pflegedienste im wesentlichen vier Problemkreise im Pflegesystem, die es zu lösen gilt:
Bedarfsgerechte Inanspruchnahme von Pflegediensten unerschwinglich
Prof. Badelt hat bereits 1997, also vor fast 10 Jahren, in seiner „Analyse der Auswirkungen des Pflegevorsorgesystems“ festgestellt, dass finanzielle Probleme, die Pflegebedürftigen und deren Angehörige daran hindern, Pflegedienste in Anspruch zu nehmen. Bedarfsgerechte, stundenweise Inanspruchnahme von Pflegediensten, gar Rund um die Uhr Betreuung bzw. Anwesenheit einer Bezugsperson wäre nach den österreichischen Rahmenbedingungen unerschwinglich.
Die Nichtvalorisierung der Pflegegelder in 9 der vergangenen 10 Jahre, hat allein zu einer „Entwertung“ der Pflegegelder von – vorsichtig gerechnet – im Ausmaß von ca.16 % geführt. Zu überdenken ist auch die aus der Sicht des KOBV zu niedrige Einstufung von sehr stark lernbehinderten Menschen und Menschen mit weit fortgeschrittenem geistigen Abbau, bei denen der Pflege- und Betreuungsbedarf trotz oder gerade wegen zum Teil guter physischer Zustandsbilder besonders hoch ist. Dazu kommt, dass bereits bei Einführung des Pflegegeldsystems die Kostenbeiträge von Pflegediensten überproportional gestiegen sind, was in der zitierten Studie besonders kritisiert wurde.
Es darf daher nicht verwundern, wenn Pflegebedürftige und vor allem deren Angehörige in Wahrnehmung ihrer familiären Verantwortung zu leistbaren Betreuungsformen greifen, die zum Teil ja auch von öffentlichen Einrichtungen empfohlen und daher auch im guten Glauben an deren Legalität in Anspruch genommen wurden. Die regelmäßige Anpassung der Pflegegelder sowie die Transparenz und Leistbarkeit der Kostenbeiträge für Hilfsdienste, zweiteres im übrigen vereinbarungsgemäß im Zuständigkeitsbereich der Länder, sind daher einzufordern.
Arbeits- und sozialrechtliche Rahmenbedingungen für ausländische Betreuungsdienste
Um den Bedürfnissen Pflegebedürftiger und deren Angehörige in Gegenwart und Zukunft gerecht zu werden, wird es notwendig sein, die arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen so zu verändern, dass Betreuung durch und Anwesenheit von auch ausländischen Kräften möglich wird. Längerfristig ist anzustreben, das Zugangsmöglichkeiten zu den verschiedenen Pflege- und Betreuungsberufen erleichtert werden und an Attraktivität gewinnen. „Zwangsrekrutierungen“ aus bestimmten Bevölkerungsschichten sind sowohl aus deren Sicht, als auch aus Sicht der Betroffenen abzulehnen.
Bedarfsorientierte Pflegedienste
Sowohl Pflegebedürftige als auch Angehörige beklagen, dass v.a. ausschließlich aufgrund physischer Gebrechen Pflegebedürftige in stationären Einrichtungen nicht bedarfsorientiert untergebracht und betreut werden. Die gemeinsame Unterbringung und Betreuung mit demenzerkrankten Pflegebedürftigen führt dazu, dass stationäre Pflege von ersterer kaum in Anspruch genommen wird. Dies ist gerade für Angehörige im Bezug auf Kurzzeitpflege besonders belastend, da selbst kurze Aufenthalte von aus physischen Gründen Pflegebedürftigen, abgelehnt werden. Dies ist mitunter ein Grund der mangelnden Inanspruchnahme von Angeboten für pflegende Angehörige zu deren Entlastung und physischer und psychischer Unterstützung. Auch bei Betreuungen tagsüber wäre dies zu beachten.
Pflegende Angehörige
Rund 80 % der Pflegeleistungen und Betreuungsdienste werden in Österreich von Angehörigen erbracht. Trotz der zunehmenden Veränderungen in den familiären Strukturen (z.b. räumliche Entfernung) wird die familiäre Obsorge auch in der Zukunft den wesentlichsten Stellenwert haben und letztendlich Pflege und Betreuung überwiegend gewährleisten.
Nicht zuletzt anhand der vom BMSG in Auftrag gegebenen Studie zur „Situation pflegender Angehöriger“ lassen sich drei Problembereiche festmachen, die es gilt, zu lösen:
Information und Beratung
Informations- und Beratungsdefizite von Pflegebedürftigen und deren Angehörigen sowohl auf rechtlichem Gebiet als auch auf dem Gebiet der Dienstleistungsangebote, führen dazu, dass bestehende rechtliche Möglichkeiten, Einrichtungen und Angebote nicht in Anspruch genommen werden. Umfassende Beratungs- und Informationsdienste für Betroffene und deren Angehörige sind daher Gebot der Stunde.
Bewährte und bestehende Angebote, wie sie der KOBV derzeit in Wien, Niederösterreich und Burgenland mit Unterstützung des BMSG anbietet (2005 fast 13.000 Beratungen für Behinderte und auch Pflegebedürftige und deren Angehörige!!!)
Entkriminalisierung pflegender Angehöriger
Im wesentlichen gilt hier das vorhin zu den arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen für „illegale“ Pflegekräfte gesagte.
Entlastung und Unterstützung für pflegende Angehörige
Sowohl die physische, als auch die psychische Überlastung pflegender Angehöriger kommt in der zitierten Studie zum Ausdruck. Es muss daher gelingen, diese Belastungen für pflegende Angehörige zu erleichtern. Der KOBV wird daher gemeinsam mit dem BMSG ab Mitte September ein 6-monatiges Pilotprojekt starten, dessen Ziel es ist, pflegenden Angehörigen, zum Teil gemeinsam mit dem Pflegebedürftigen Erholung UND Unterstützung anzubieten. Im verbandseigenen Erholungshaus im Helenental bei Baden in NÖ. können im Rahmen von 14-tägigen Aufenthalten nicht nur Tage der Erholung genossen werden, sondern wird darüber hinaus durch fachliche Beratung in pflegerischen Tätigkeiten, durch psychologische Betreuung und durch rechtliche Beratung pflegenden Angehörigen Unterstützung bei ihrer aufopferungsvollen Tätigkeit gegeben.
Pflegevorsorge nachjustieren
Als im Jahr 1993 das Pflegevorsorgesystem geschaffen wurde, sprachen viele – und das zu Recht – von einem Meilenstein in der Sozialgeschichte Österreichs. Dieses System hat tatsächlich die Situation hunderttausender Pflegebedürftiger schlagartig im Sinne der Selbstbestimmtheit verbessert. Es war und ist klar, dass ein derartiges System immer wieder der Nachjustierung bedarf. Diese soll nunmehr abseits von bevorstehenden Wahlen sachlich und nach den Bedürfnissen der Betroffenen, deren Angehörigen und damit zum Wohle unseres gemeinsamen Gesellschaftsgefüges diskutiert und beschlossen werden. Die Menschen unseres Landes warten darauf.
Kriegsopfer- und Behindertenverband Österreich 1080 Wien, Lange Gasse 53
Präsident Mag. Michael Svoboda Generalsekretärin Dr. Regina Baumgartl Tel. : 01/406 15 80 – 42 Fax: 01/ 406 15 80 - 54 e-mail: kobvoe@kobv.at
Wien, 28. August 2006
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