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16 Tage gegen Gewalt an Frauen: Frauen und Mädchen mit Behinderungen sind besonders gefährdet

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Frauen und Mädchen mit Behinderungen sind in Österreich körperlicher und seelischer Gewalt dreimal häufiger ausgesetzt als Frauen und Mädchen ohne Behinderungen. Studien haben wiederholt gezeigt, dass ihre Gewalterfahrungen komplex und vielschichtig sind. Dennoch geht die Problematik im öffentlichen Diskurs weitgehend unter. Das liegt unter anderem daran, dass Gewalt gegen Frauen und Mädchen mit Behinderungen seltener angezeigt wird, und auch Untersuchungen dazu sind noch vergleichsweise rar. Entsprechend dürftig ist die Datenlage.

Aktuell gibt es in Österreich nur eine Studie des Sozialministeriums aus dem Jahr 2019, die sich auf über 700 Seiten mit Gewalt an Menschen mit Behinderungen befasst. In diesen Ausführungen sticht vor allem eines hervor: Dass Frauen mit Behinderungen im Vergleich zu Frauen ohne Behinderungen überproportional häufig von sexueller Gewalt betroffen sind. Auch eine EU-weite Erhebung ergab, dass Frauen mit Behinderungen fast doppelt so oft körperliche oder sexuelle Gewalt durch (Ex-)Partner erleben als Frauen ohne Behinderungen (34 % vs. 19 %)​.

Mehrfache Diskriminierung

Gewalterfahrung beginnt für Frauen und Mädchen mit Behinderungen allerdings oft schon dann, wenn sie aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Behinderung benachteiligt werden und zum Beispiel aus Lebensbereichen wie Bildung, Arbeit oder Gesundheitsversorgung teilweise oder zur Gänze ausgeschlossen werden.

Dadurch verstärken sich Abhängigkeiten von Betreuungspersonen oder sozialen Diensten und damit steigt auch die Gefahr, psychischen oder körperlichen Angriffen ausgesetzt zu sein. Gleichzeitig begünstigen Abhängigkeiten auch finanzielle Ausbeutung und Kontrolle – eine weitere Form von Gewalt, der Frauen und Mädchen mit Behinderungen vermehrt ausgesetzt sind.

Möglichkeiten, sich zu wehren, haben Frauen und Mädchen mit Behinderungen kaum: Wirksame Schutzmaßnahmen, die auf ihre Situation zugeschnitten sind – wie zum Beispiel barrierefreie Beratungsstellen und Frauenhäuser – gibt es nur vereinzelt. Frauen und Mädchen mit Behinderungen werden somit wieder ausgeschlossen oder stehen vor Hürden, die sie einschüchtern oder ihnen das Gefühl geben, weniger wert zu sein.

Sparkurs verschärft die Situation

„Die geplanten Sparmaßnahmen im Sozialbereich werden die Situation noch verschärfen“, befürchtet Franz Groschan, Präsident des KOBV Österreich – Der Behindertenverband. Denn: „Kürzungen im Sozialbereich bedeuten unter anderem, dass Beratungsstellen und Gewaltschutzzentren Stellen abbauen und ihr Angebot einschränken müssen. Dazu wird die Selbstbestimmung der Frauen und Mädchen etwa durch die unsichere Finanzierung der Persönlichen Assistenz stark eingeschränkt. Dadurch entstehen auf der einen Seite neue Barrieren, auf der anderen Seite verstärkte Abhängigkeiten. Für die betroffenen Frauen und Mädchen steigt somit die Gefahr, dass sie Gewalt ausgesetzt werden“, zeigt Groschan auf.

Der KOBV Österreich – Der Behindertenverband fordert daher einmal mehr gezielte Schutzmaßnahmen: „Es braucht mehr barrierefreie Schutz- und Beratungsangebote, wie Frauenhäuser oder spezialisierte Beratungsstellen“, drängt der KOBV-Präsident. „Die Frauen und Mädchen haben außerdem ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. Das bedeutet, dass sie Zugang zum Arbeitsmarkt haben müssen und dass die Persönliche Assistenz gesichert sein muss. Denn Selbstbestimmung ist ein enorm wichtiger Faktor in der Gewaltprävention.“ Damit Frauen und Mädchen mit Behinderungen nicht länger unsichtbar bleiben oder über ihre Köpfe hinweg entschieden wird, brauche es außerdem politische Mitsprache.

Maßnahmen sind festgeschrieben

Jedes Jahr gibt es 16 Aktionstage gegen Gewalt an Frauen, die zwischen dem 25. November und dem 10. Dezember auf das Thema aufmerksam machen. Im Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention sind ganz klare Maßnahmen definiert.

„Wenn jetzt Mittel gekürzt oder ganz gestrichen werden, dann bremst das die Umsetzung von wirksamen Maßnahmen und statt Inklusion gibt es neue Barrieren. Den Preis dafür bezahlen Frauen und Mädchen mit Behinderungen“, warnt der KOBV-Präsident.