Für die meisten Menschen ist es selbstverständlich, einen Termin telefonisch zu vereinbaren, eine Meldung im Radio zu hören oder spontan Informationen einzuholen. Für gehörlose Menschen können solche Alltagssituationen jedoch zu erheblichen Hürden werden. Alleine in Österreich haben Schätzungen zufolge rund 450.000 Menschen eine Hörbehinderung, die ihnen die Kommunikation erschwert. Davon sind ungefähr 8.000 bis 10.000 Menschen gehörlos. Viele von ihnen verwenden die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) als Erstsprache zur Verständigung.
Um auf die Bedeutung der Gebärdensprachen als Kommunikationsmöglichkeit für Menschen mit Hörbehinderungen aufmerksam zu machen, wird weltweit jährlich am 23. September der Internationale Tag der Gebärdensprachen begangen. Im Fokus steht das Menschenrecht auf Kommunikation. Nicht hören zu können bedeutet nicht, sich nicht austauschen zu können.
Gebärdensprachen ermöglichen gehörlosen und schwerhörigen Menschen eine direkte Kommunikation. Sie sind aber weit mehr als ein Mittel zur Verständigung. Genauso selbstverständlich wie Lautsprachen ihren Sprecher:innen erlauben, sich mitzuteilen, ermöglichen Gebärdensprachen gehörlosen und schwerhörigen Menschen, ihre Gedanken, Gefühle, persönlichen Erfahrungen und ihr Wissen auszudrücken. Sie sind Teil ihrer Identität, Kultur und Gemeinschaft und bilden eine wichtige Grundlage für Barrierefreiheit und Inklusion.
ÖGS als eigenständige Sprache anerkannt
Gebärdensprachen sind visuell-gestische Sprachen, bei denen nicht mit Lauten, sondern mit Gebärden kommuniziert wird. ÖGS ist keine vereinfachte Form des Deutschen, sondern eine eigenständige, vollwertige Sprache mit eigener Grammatik und Struktur. Zur ÖGS gehören neben manuellen Gebärden auch Ausdrucksmittel wie die Mimik und das Mundbild. Zusätzlich kann ein Fingeralphabet verwendet werden. 2005 wurde ÖGS in der Bundesverfassung als eigenständige Sprache anerkannt. Das war ein wichtiger Schritt zur sprachlichen und kulturellen Gleichstellung von in ÖGS kommunizierenden Menschen, die einer Sprachminderheit angehören. Ein weiterer folgte 2013, als ÖGS von der Österreichischen UNESCO-Kommission in das nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde.
Wie bei Lautsprachen gibt es auch nicht nur eine Gebärdensprache. Es werden über 300 verschiedene Gebärdensprachen verwendet, teilweise sogar regionale Varianten und Dialekte. Auch im deutschsprachigen Raum wird nicht dieselbe Gebärdensprache genutzt. So kommuniziert man in Österreich in ÖGS, in Deutschland in Deutscher Gebärdensprache (DGS) und in der Schweiz in Deutschschweizer Gebärdensprache (DSGS). Auf internationaler Ebene wird unter anderem auf International Sign zurückgegriffen, die weniger komplex als natürliche Gebärdensprachen ist und über ein begrenztes Vokabular verfügt.
Bildung in ÖGS bleibt Herausforderung
Seit der Anerkennung der ÖGS als eigenständige Sprache 2005 gab es zahlreiche Verbesserungen, etwa im Bereich der öffentlichen Kommunikation, da mehr Bewusstsein für die Wichtigkeit der Gebärdensprachen geschaffen wurde. Im Parlament werden Plenardebatten des Nationalrates seit 2009 simultan übersetzt und im ORF viele Sendungen wie Nachrichten barrierefrei mit ÖGS-Dolmetschung oder Untertiteln angeboten.
Im Bildungssystem gab es zwar ebenfalls Fortschritte, es besteht allerdings weiterhin Handlungsbedarf, da ein flächendeckendes, systematisches Unterrichtsangebot in ÖGS auf allen Bildungsebenen fehlt. Der Zugang zu ÖGS ist weiterhin stark vom Wohnort, der Schule und den vorhandenen Ressourcen abhängig. Für gehörlose und mit ÖGS aufwachsende schwerhörige Kinder bedeutet das, dass ihre Erstsprache im Bildungsbereich nur eingeschränkt berücksichtigt wird. Mit neuen Lehrplänen, die schrittweise umgesetzt werden, wurde ÖGS zuletzt allerdings stärker im schulischen Kontext verankert. So können Schüler:innen der AHS-Oberstufe seit dem Schuljahr 2026/27 erstmals ÖGS als Zweite Lebende Fremdsprache wählen. Der Österreichische Gehörlosenbund (ÖGLB) setzt sich darüber hinaus für eine umfassende bilinguale Bildung ein, bei der ÖGS und Deutsch gleichwertig berücksichtigt werden und auch ÖGS als Unterrichtssprache zum Einsatz kommt.
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